Wege des kleinen Jägers – ein Einblick in das Training mit jagdlich ambitionierten Hunden

 

Das Jagdverhalten gehört mit zu den unerwünschten Verhaltensweisen die unsere Vierbeiner an den Tag legen. Was für sie vollkommen natürlich ist, ist in der Menschenwelt nicht gern gesehen. Dazu kommt noch das es nicht nur für das gehetzte Wild gefährlich ist, sondern auch für den Hund zum Verhängnis werden kann.

 

Hunde sind Beutegreifer und daher liegt ihnen Jagen im Blut, es ist ein genetisch verankertes Verhalten. Es gibt aber noch weitere Gründe, warum ein Hund Interesse am Jagen finden kann. Da wäre z.B. die Langeweile auf dem Spaziergang. Dies soll nicht heißen, dass der Hund ununterbrochen Bespaßt werden muss, damit er nicht jagt. Aber ein gewisses Interesse auf dem Spaziergang sollte man seinem Hund schon widmen, damit er sich nicht eine Aufgabe suchen muss. Dann gibt es da noch die sogenannte "Gruppendynamik", d.h. in einer Gruppe von Hunden startet einer durch mit Wildgeruch in der Nase und durch die Übertragung der Erregungslage werden die anderen mitgezogen. Auch kann Jagdverhalten als Übersprungshandlung auftreten und auch plötzlich sehr nah auftauchendes Wild kann zum Auslöser werden.

 

Das Jagdverhalten von Hunden setzt sich aus verschiedenen Sequenzen zusammen. Dabei zeigt nicht jeder Hund jede Sequenz.

 

Orten → Fixieren → Anpirschen → Hetzen → Packen → Töten → Zerlegen und Fressen

 

Einzelne Sequenzen des Jagdverhaltens wirken schon selbstbelohnend auf den Hund (d.h. der Hund muss noch nicht mal Erfolg beim Jagen haben, denn schon das Hetzen setzt im Körper Endorphine frei), somit stellt dies eine kleine Hürde im Training dar in Bezug auf die Auswahl der Belohnung des Hundes. Im Training sollte man mit differenzierten Belohnungen arbeiten. Deswegen sollte man sich hier nicht nur auf Futter und Spielzeug beschränken, sondern auch Umweltbelohnungen mit einbeziehen.

 

Jagdverhalten lässt sich nicht abgewöhnen, je mehr man versucht dieses Verhalten zu unterdrücken, desto schwieriger wird es zu kontrollieren und es erzeugt immer mehr Frust beim Hund (was wiederum zu anderen Problemen führen kann). Man sollte schauen wie kann man das unerwünschte Verhalten in akzeptable Bahnen lenken und wie kann ich dem Hund Alternativen bieten, damit er seine Bedürfnisse ausleben kann? Das Training zeigt nicht Wirkung über Nacht, sondern kann je nach Hund ein steiniger Weg sein, Verhaltensweisen umzulenken erfordert Zeit.

 

Hier an dieser Stelle möchte ich noch etwas ganz wichtiges anreißen und zwar die Arbeit mit Sprühhalsbändern. Diese sind in Deutschland zwar (noch) nicht verboten, gehören aber absolut nicht ins Training. Damit wird auf der Ebene von Strafe gearbeitet (aversiver Reiz) und löst Meideverhalten aus, was bis hin zur erlernten Hilflosigkeit beim Hund führen kann.

 

Ebenso das Arbeiten mit Elektrohalsband, dem sogenannten Teletact ist ein absolutes NO-GO und zu Recht in Deutschland verboten!!! Wer solche angeblichen "Hilfsmittel" nutzt sollte sich lieber einen Stoffhund kaufen, da er keinerlei Ahnung von Hunden und deren Lernverhalten hat und in meinen Augen als fragwürdig erscheint, was das Verständnis von Ethik und Moral angeht.

 

Das Interesse am Wild begann bei meinem Sheldon ca. im Alter von einem Jahr. Zuerst waren es nur Spuren und Gerüche, die ihn ablenkten und dann trafen wir auf unser erstes Reh. Danach auf eine Gruppe Wildgänse und er entdeckte auch sein Interesse am Stöbern. Es musste also eine Idee her, wie ich damit umgehe.

 

Ich begann mich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen und stieß auf viele gute Trainingsmethoden. Ich stieß aber auch auf solche, die ich nicht nutzen wollte, da sie strafbasiert trainiert wurden. Auch mit einem jagenden Hund kann man über positive Verstärkung trainieren und brauch nicht auf "harte" Methoden zurückgreifen.

 

Bevor ich das Training begann, schaute ich mir unsere Ausrüstung an. Zum Training gehört bei mir unbedingt:

  • ein gut sitzendes Brustgeschirr

  • eine Schleppleine

  • eine gut gefüllte Leckerchentasche mit hochwertigen Leckerchen

  • ein beliebtes Spielzeug (z.B. Fellzergel, Futterbeutel oder -dummy mit oder ohne Fell)

  • Belohnungsliste (sollte man im Köpfchen haben)

  • eine gefüllte Futtertube

  • ggf. eine Pfeife

  • ein Markersignal

  • fröhliche, freundliche Stimme und gute Laune

Der Hund wird zu Beginn des Trainings durch Schleppleine am Brustgeschirr gesichert.

 

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Eine Schleppleine befestigt man nie an einem Halsband! Es besteht hohe Verletzungsgefahr für den Hund. Durch die Schleppleine wird verhindert, dass der Hund mit unerwünschten Verhalten, wie z.B. Hetzen zum Erfolg kommt (selbstbelohnendes Verhalten wird verhindert). Die Schleppleine dient nicht dazu, den Hund auf Distanz zu bestrafen! Das Arbeiten mit der Schleppleine erfordert allerdings etwas Übung im Handling.

 

Nun begann ich erstmal mit der Schleppleine in der Hand zu arbeiten. Sheldon lernte durch das Radius- und Orientierungstraining an der lockeren Schleppleine sich in einem bestimmten Radius zubewegen, also in meiner Nähe zu bleiben und auf mich zu achten. Denn dies ist nicht selbstverständlich für den Hund.

 

Möchte man am Jagdverhalten des Hundes arbeiten, ist es von Vorteil ein Markersignal zu nutzen. Wir können damit genau die Verhaltensweisen markieren, die von uns gewünscht sind und geben dem Hund gleichzeitig ein Feedback über Verhalten, welches sich für ihn lohnt.

 

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Ich fing also an gewünschtes Verhalten mit dem Marker einzufangen und zu belohnen. Allem voran das "Beobachten und Verharren" und "das Abwenden von einem Auslösereiz". Es fällt einigne Hunden leichter, wenn sie den Auslösereiz (z.B. das Reh) beobachten dürfen und an Ort und Stelle stehen bleiben. Jedes Verhalten was nicht Lossprinten ist, wird sich also für den Hund lohnen und er wird es von mal zu mal schaffen immer länger zu stehen und zu gucken.

 

Vom Beobachten und Verharren kommen wir auch direkt zur Impulskontrolle, denn nicht loszustürmen fordert einiges an Selbstbeherrschung. Wir können aber durch kleine Übungen die Impulskontrolle des Hundes verbessern. Aber Vorsicht Impulskontrolle steht einem nicht unbegrenzt zur Verfügung. Sie ist irgendwann aufgebraucht und muss sich dann erst erholen. Ein kleines Beispiel dazu. Waldi der wenig jagdlich ambitioniert ist sieht ein Reh und schaut es ruhig an, ein paar Meter weiter kreuzt ein Hase Waldis weg. Er wird schon etwas aufgeregter, nimmt sich aber noch zurück. Dann begegnet er einem Eichhörnchen und schießt los. Was ist passiert? Er schaltet sein Hirn aus und hetzen an, da war die Impulskontrolle dahin. Deshalb sollte man keinesfalls zu viele Übungen zur Impulskontrolle einbauen.

 

Zu unserem Trainingsprogramm gehörte natürlich auch ein zuverlässiger Rückruf. Ich arbeite mit verschiedenen Signalen fürs Zurückkommen. Der Sinn dahinter besteht darin, dass sich ein Signal so nicht so schnell abnutzt. Dazu werden die verschiedenen Signale mit verschiedenen Belohnungen verknüpft. So weiß der Hund nie genau welche tolle Belohnung ihn erwartet. Zum Rückruf gehört auch ein Notfall-Signal. Dieses sollte auch wirklich nur im Notfall eingesetzt werden, damit es seine Besonderheit nicht verliert und auch wirklich funktioniert, wenn man es benötigt. Die Besonderheit hier ist, dass das Notfall-Signal an eine Jackpotbelohnung gekoppelt ist. Was ein Notfall ist sollte jeder für sich klar definieren. Für mich ist ein Notfall, wenn mein Hund unkontrolliert doch mal hinter irgendetwas her hetzten sollte und Gefahr für den Hund selbst besteht, er andere oder Wild gefährden könnte.

 

Das Thema Entspannung spielt ebensfalls eine wichtige Rolle. Es hilft den Hund in sehr aufregenden Situationen wieder ansprechbar zubekommen und das Erregungsniveau zu senken. Besonders wichtig kann dies bei direkter Wildsichtung sein. Es macht Sinn den Hund erst an Ort und Stelle zu entspannen, bevor man seinen Weg fortsetzt. So lässt es sich vermeiden, das der Ort mit dem Erregungszustand des Hundes verknüpft wird und er beim nächsten Mal an dieser Stelle auf die Pirsch geht, weil er dort Wild vermutet.

 

Was bei niemanden fehlen sollte, auch wenn der Hund kein jagdliches Interesse hat, ist die körperliche und geistige Auslastung. Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehört die Nasenarbeit. Wir machen simple Leckerchen-Suche am Boden bis hin zum Mantrailing. Auf unseren "Jagdausflügen" dürfen die Hunde Wildspuren verfolgen (natürlich ohne Wild dabei zu belästigen, zu verängstigen oder zu gefährden). Damit wir als Team fungieren und zusammenarbeiten zeige ich meinen Hunden auch Stellen, die interessant sein könnten (z.B. Löcher im Boden, aufgewühlte Stellen). Interessiert man sich für die Bedürfnisse seine Hundes und lässt ihn diese auch ein Stück weit ausleben - am besten mit seinem Menschen zusammen – schafft man mehr Kooperation und fördert gleichzeitig die Bindung.

 

Wie man sieht spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle, sowie auch Erfahrung, Veranlagung und Charakter des einzelnen Hundes. Es mag evtl alles sehr viel klingen, aber das ist es gar nicht. Das meiste läuft bei uns mittlerweile völlig routinemäßig ab und gehört einfach zum Alltag. Gewisse Basics müssen einfach vorhanden sein und der Rest ist eine individuelle Mischung angepasst an das einzelne Mensch-Hund-Team und deren Fähigkeiten. Zu den Basic´s gehören nicht bloß die von mir aufgeführten Signale. Es spielen noch eine Reihe anderer mit ein. Dies würde hier aber den Rahmen sprengen.

 

An dieser Stelle möchte ich auch nochmal auf die Schleppleine zurück kommen und die Sicherung eines Hundes. Wenn ihr neue Gebiete betretet, beginnt das Training (mal hart ausgedrückt) im Grunde von vorn. Nur weil euer Antijagdtraining in eurer Umgebung im Wald funktioniert heißt das nicht, dass es auch automatisch woanders klappt. Hunde lernen Ortsgebunden und müssen Übungen erst generalisieren. Deshalb sichert eure Hunde in neuen Umgebungen oder dort wo es wildreich ist erstmal durch die Schleppleine und beobachtete eure Hunde genau. Mittlerweile kann ich Sheldons und Amies Körpersprache schon recht gut einschätzen und merke häufig, wenn sie mit ihren Gedanken aus der Menschenwelt verschwinden → ergo Leine dran.